Grüne Inseln

Dies ist der erste Artikel in einer Reihe, welche die Agrarökosysteme der nördlichen Oberpfalz portraitiert. Die Landwirtschaft der Zukunft ist nichts, was wir noch erfinden müssen, sondern sie existiert bereits in kleinen Enklaven der Nachhaltigkeit. Mit unseren Artikeln wollen wir einen Eindruck vermitteln, was bereits geschieht und worauf wir aufbauen können. In diesem Artikel geben wir euch einen Einblick in die Aktivitäten der Friedenfelser Betriebe, speziell ihrem Konzept der grünen Inseln.

Friedenfelser Betriebe

Seltsam sind manchmal die Verquickungen der Geschichte. Wie ein Schmetterlingsschlag in Peking die Ursache für das Entstehen eines Hurrikans im tausende Kilometer entfernten Atlantik sein kann, so kann ein schneller Federstrich des bayerischen König Ludwig I. mehr als ein viertel Jahrtausend später dazu führen, dass auf den Flächen der „Friedenfelser Betriebe“ eine Bastion der Artenvielfalt entsteht.

Bei diesem Bollwerk handelt es sich um 160 Hektar ökologisch nach Bioland-Richtlinien bewirtschafteten Feldern und Wiesen sowie angrenzend 5000 Hektar zusammenhängende Waldfläche in der Gemeinde Friedenfels in der Nordoberpfalz. Genauer handelt es sich um die Ländereien des Eberhard Freiherr von Gemmingen-Hornberg, der in Gesprächen mit Ansässigen und Mitarbeitern immer nur als “der Baron” referenziert wird. In diesem großen, von den Friedenfelser Betrieben bewirtschafteten Areal, entsteht seit mehr als 30 Jahren, fast unbeachtet von der Öffentlichkeit, ein agrarökologisches Vorzeigeprojekt, das in Bayern, wenn nicht Deutschland, seinesgleichen sucht.

Nur durch die willkürliche Entscheidung König Ludwig I., seine enormen Schulden an die Familie Notthafft nicht zu begleichen, fiel das frühere Herrschaftsgebiet der Notthaffts über Umwege, Zwangsversteigerungen, Vererbung, Verkauf und Überschreibung Anfang des 20. Jahrhunderts an die Familie Gemmingen-Hornberg. Ein Glück für die Artenvielfalt und die ökologische Landwirtschaft, da sich einer der Sprösslinge der Familie – besagter Eberhard von Gemmingen-Hornberg – als Bewahrer unseres ökologischen Erbes erweist.

Wahrzeichen der Friedenfelser Betriebe und ehemalige Residenz der Familie Notthafft – Burg Weißenstein im Steinwald

Während viele größere land- und forstwirtschaftliche Betriebe sich dem kapitalistischen Duktus der Gewinnmaximierung voll und ganz unterordnen, haben sich die Friedenfelser Betriebe schon vor langer Zeit auf den Weg der Nachhaltigkeit begeben. Wirklich nachhaltig kann man nur wirtschaften, wenn sowohl die soziale, ökologische als auch ökonomische Komponente der Nachhaltigkeit erfüllt sind. Ein ökologisch nachhaltiges Projekt, das ökonomisch nicht tragfähig ist, dauerhaft um Finanzierung kämpft und in den roten Zahlen feststeckt, wird auch die ökologische Nachhaltigkeit bald opfern müssen und hat infolgedessen nichts erreicht. Im Umkehrschluss ist für Friedenfelser jedoch auch jegliches ökonomisches Unterfangen nicht nachhaltig, wenn die ökologische Nachhaltigkeit nicht gewährleistet ist. Um dies langfristig sicher zu stellen, versucht Friedenfelser mit einem ganzheitlichen Konzept scheinbare Widersprüche zu verbinden. Gegensatzpaare wie Wald und Wild, Landwirtschaft und Naturschutz, Ökonomie und Ökologie verlieren durch intelligente Maßnahmen ihre Bedeutung und zeigen einen Weg in die Zukunft. Für das Unternehmen so wie für unsere Gesellschaft als Ganzes.

Die Felder, Wiesen und Wälder des Barons zeigen, wie man konzertiert ein funktionierendes Agrarökosystem gestalten kann, welches Produktivität und Naturschutz vereint und eine Agrarökologie-Region geschaffen wird, welche Kerngebiete und Modellregionen für die zukünftige Landwirtschaft sein können.

Die auf Natur-, Umwelt- und Klimaschutz bezogenen Projekte, welche von Friedenfelser umgesetzt werden um die langfristige ökologische Tragfähigkeit ihres Unternehmens zu gewährleisten, sind zu mannigfaltig, um auf alle einzugehen. Zahlreiche Projekte haben Aufmerksamkeit verdient und wir hoffen bei Zeiten, mehr von ihnen porträtieren zu können. Es gibt viel zu entdecken: vom Biberpaar, welches sich in einem ihm überlassenen Teil des Waldes einrichtet und die Kulturlandschaft um ein unvergleichliches Biotop erweitert, über die Ansiedelung von Luchsen, Rebhühnern und Flussperlmuscheln sowie den zahlreichen Moorrenaturierungen in den Wäldern. Da wir jedoch in den folgenden Artikeln unseren Fokus mehr auf Felder als Wälder richten wollen, erfahrt ihr im folgenden mehr über die erfolgreiche Integration von Feldgehölzen in die Feldwirtschaft. Auch der von Friedenfelser verwendete Namen ist sehr passend: „grüne Inseln“. Es zeigt ganz klar wo es hingeht, ein Rückzugsort für Tiere und Pflanzen, um weiterhin in der Kulturlandschaft leben zu können.

Grüne Inseln

Es ist ein regnerischer und nebeliger Tag im Steinwald in der nördlichen Oberpfalz. Die Geschichtsträchtigkeit der Region wird durch die saftig grünen, nebelverhangenen Getreidefelder untermalt und die Szenerie wirkt wie aus der Zeit gefallen. Wir sind eingehüllt von sachte plätschernden Regentropfen, die vom Baldachin der Bäume um uns tropft. Vor unseren Augen tollen in sicherem Abstand zwei Rehe, in ihrem Spiel nur kurz unterbrochen von einem Feldhasen, der Haken schlagend an Ihnen vorbeischießt, um Unterschlupf im nächsten Gestrüpp zu suchen. Wohlwissend, dass über ihm ein Falke seine Kreise zieht und mit seinen wachsamen Argusaugen alles beobachtet, was einen vollen Magen verspricht. Dem Wetter zum Trotz veranstalten zahlreiche Vögel ein Konzert in einer Lautstärke, dass wir uns nach kurzer Zeit geschlagen geben und unsere sachte Konversation einstellen.

Das erstaunliche an dieser Szenerie ist nicht, dass es passiert. Sondern wo es passiert. Wir sind nicht etwa in einem Naturschutzgebiet, sondern stehen am Rande eines Weizenfeldes, welches den willkommenen Regen nach der langen Trockenperiode gierig aufsaugt um endlich zu erblühen. Wir befinden uns inmitten der aus der Zeit gefallenen Kulturlandschaft. Weder kleinskalige Landwirtschaft des 19., noch Agrarwüste des 20. Jhdts, hier formt sich die Zukunft der Landwirtschaft. Ein Agrarökosystem des neuen Jahrtausends welches die Verantwortung des Menschen gegenüber seiner Umwelt ernst nimmt und jedes Jahr von seinen Machern etwas verbessert wird. Die weitläufigen Weizenfelder sind mit dem Ziel der Maximierung der Artenvielfalt systematisch unterbrochen von großgewachsenen Feldgehölzen und Hecken, die den vielen heimischen Tier- und Pflanzenarten Schutz bieten. Der Begriff “grüne Inseln” ist treffend, könnte jedoch aufgrund des schieren Ausmaßes auch als “grüner Kontinent” inmitten einer produktiven ökologischen Landwirtschaft bezeichnet werden. Die Inseln sind verbunden durch blühende Verbindungsstreifen. Am Rand und durch die ökologisch bewirtschafteten Weizenfelder schlängeln sich Blühstreifen, die die verschiedenen Biotope und Habitate verbinden und so ein Netzwerk für die Artenvielfalt schaffen, welches auch von kleinen Krabblern überwunden werden kann.

Natürlich bringt ein Agrarökosystem wie dieses neue Herausforderungen. Die schiere Menge von größeren und kleineren Säugern zieht eine Verantwortung nach sich. Zum Erntezeitpunkt sind immer mehrere Waidmänner im Einsatz, um auf mobilen Hochsitzen sicherzustellen, dass alles Wild, das sich in den Feldern versteckt, rechtzeitig Zuflucht in den grünen Inseln und angrenzenden Waldgebieten finden kann.


Nur ein Teil der Friedenfelser Betriebe – die Schlossbrauerei

Interessant an den Friedenfelser Betrieben ist, dass sie zeigen, dass nicht nur kleine Betriebe die Agrarwende gestalten können. Auch wenn letztere den Kern einer gesunden Landwirtschaft der Zukunft spielen sollten, sind gerade auch größere Unternehmen prädestiniert dafür, die ersten Schritte zu tun. Durch ein komplexes und widerstandsfähiges Netzwerk aus vielen Teilbereichen im Unternehmen sind sie auch in der Lage, schwierige Situationen durch Querfinanzierung zu meistern und langfristiger und zielgerichteter zu investieren. Besonders gut natürlich, wenn diese Unternehmen – wie Friedenfelser es tut – die kleineren Landwirte als essentiell für eine gesunde Kulturlandschaft ansehen und ihre Infrastruktur und ihr Wissen mit ihnen teilen um die Agrarwende in der ganzen Region voranzutreiben.

Die Initiative für dieses neue Blogprojekt ist im Rahmen der Blogparade #BloggenFürArtenvielfalt vom Bioland Verband entstanden.

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